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Das Universum funktioniert nach einem ökonomischen Grundprinzip: Alles hat seinen Preis. Wir zahlen für die Erschaffung unserer Zukunft, wir zahlen für die Fehler der Vergangenheit. Wir zahlen für jede Veränderung, die wir auslösen ... und wir zahlen einen genauso hohen Preis, wenn wir uns weigern, uns zu verändern.
Annalen der Gildebank, Philosophisches Register
Unter den Fremen hieß es, dass man Shai-Hulud mit Ehrerbietung und Furcht begegnen musste. Doch schon bevor er sein sechzehntes Lebensjahr vollendet hatte, war Liet-Kynes viele Male auf Würmern geritten.
Auf ihrer ersten Reise in die Südpolarregion hatten er und sein Blutsbruder Warrick einen Wurm nach dem anderen gerufen und sie bis zur Erschöpfung geritten. Sie hatten einen Klopfer aufgestellt, ihre Bringerhaken bereitgehalten und auf den nächsten gewartet. Alle Fremen verließen sich auf die Dienste der Würmer.
Seit endlosen Stunden hockten die zwei jungen Männer in Destillanzügen und weiten Gewändern da und erduldeten die Hitze des Tages unter einem staubblauen Himmel. Der Sand rauschte, während sich der Wurm durch die Wüste bewegte.
Sie wagten sich weit über den sechzigsten Breitengrad hinaus, der die bewohnten Gebiete begrenzte. Sie durchquerten die Große Ebene und die offenen Ergs, zogen durch unberührte Sandmeere, erreichten den Äquator und wanderten weiter nach Süden zu den verbotenen Palmengärten nahe der feuchten antarktischen Polarkappe. Diese Pflanzungen waren von Pardot Kynes angelegt und gepflegt worden, als Teil seines großen Traums, Dune wieder zum Leben zu erwecken.
Liets Blick streifte durch die unermessliche Weite. Nach den Winden des Winters war die Große Ebene glatt wie eine Tischdecke. Hier liegt der Horizont der Ewigkeit. Er musterte die kargen Formen des Landes, die subtilen Abstufungen und die Felserhebungen. Sein Vater hatte ihm Vorträge über die Wüste gehalten, seit er Sprache verstehen konnte. Der Planetologe hatte sie als Landschaft ohne Gnade, ohne jede Nachsicht bezeichnet.
Als es am sechsten Tag ihrer Reise dunkel wurde, zeigte ihr Wurm immer deutlichere Anzeichen der Unruhe und Erschöpfung und stand kurz davor, in den Sand zu tauchen, obwohl seine empfindlichen Segmente durch Haken offen gehalten wurden. Liet gab Warrick einen Wink und deutete auf eine niedrige Felsenkette mit schützenden Schluchten und Spalten. »Dort können wir die Nacht verbringen.«
Mit den Führungsstangen dirigierte Warrick den Wurm näher heran, dann lösten sie die Haken und bereiteten sich auf den Abstieg vor. Da Liet dieses spezielle Tier gerufen hatte, überließ er seinem Freund den Vortritt. »Wer als Erster aufsteigt, steigt als Letzter ab«, sagte Liet.
Warrick lief ein Stück den segmentierten Schwanz hinunter. Er löste die Frachtkisten mit roher Melange-Essenz, deren Gewicht durch Leichtgastanks reduziert wurde, und brachte sie außer Reichweite des Monsters. Dann sprang er in den Sand und kletterte eine Düne hinauf. Dort blieb er regungslos stehen, still wie der Sand und die Wüste.
Liet gestattete dem Wurm, sich in den Boden zu graben und sprang im letzten Moment ab. Er stapfte durch den Sand, der weich wie Morast war. Sein Vater erzählte gerne von anstrengenden Märschen über Bela Tegeuse oder Salusa Secundus, doch Liet bezweifelte, dass diese Welten es auch nur ansatzweise mit dem Charme von Arrakis aufnehmen konnten ...
Als Sohn des Umma Kynes profitierte Liet von gewissen Vorteilen und Gelegenheiten. Er genoss diese bedeutende Reise in den tiefsten Süden, aber er wusste auch, dass sich seine Abstammung in keiner Weise positiv auf seine Erfolgschancen auswirkte. Alle jungen Fremen hatten solche verantwortungsvollen Aufgaben zu übernehmen.
Die Raumgilde musste mit regelmäßigen Zahlungen in Form von Gewürz bestochen werden.
Für dieses fürstliche Schweigegeld waren die Satelliten der Gilde auf einem Auge blind, was die Bewegungen der Fremen und insbesondere ihre geheimen Terraformungs-Aktivitäten betraf. Die Harkonnens verstanden nicht, warum es so schwierig war, genaue meteorologische und kartografische Daten zu erhalten, aber die Gilde hatte immer irgendwelche Ausreden parat ... weil die Fremen stets pünktlich zahlten.
Als Liet und Warrick eine geschützte Stelle im Lavariff gefunden hatten, wo sie ihr Destillzelt aufbauen konnten, packte Liet die Honig-Gewürzkuchen aus, die seine Mutter gebacken hatte. Die zwei jungen Männer machten es sich bequem und unterhielten sich über die jungen Frauen in den Sietches, die sie besucht hatten.
Im Laufe ihrer langjährigen Freundschaft hatten die Blutsbrüder gemeinsam viele mutige Taten unternommen – aber auch viel Unsinn angestellt. Manchmal war es beinahe zu einer Katastrophe gekommen, manchmal waren sie gerade noch rechtzeitig entronnen, aber Liet und Warrick hatten alle Widrigkeiten überlebt. Beide hatten zahlreiche Harkonnens erlegt und sich ihre Narben redlich verdient.
Bis spät in die Nacht lachten sie über ihre Sabotageaktionen gegen Harkonnen-Thopter, wie sie in das Lagerhaus eines reichen Händlers eingebrochen waren, um kostbare Delikatessen zu stehlen (die widerlich geschmeckt hatten), wie sie in einer weiten Senke eine Fata Morgana gejagt hatten, auf der Suche nach einem flüchtigen weißen Salzstrand, damit sie einen Wunsch frei hatten.
Als sie endlich genug hatten, legten sie sich gemeinsam unter dem Licht zweier Monde schlafen, um kurz vor der Dämmerung wieder auf den Beinen zu sein. Ihre Reise würde noch einige Tage dauern.
* * *
Jenseits der südlichen Wurmlinie, über die sich die Sandwürmer wegen der Feuchtigkeit und Felsen im Boden nicht hinaus bewegen konnten, gingen Liet-Kynes und Warrick zu Fuß weiter. Sie folgten ihrem instinktiven Richtungssinn und durchwanderten Schluchten und kühle Ebenen. In felsigen Tälern mit steilen Wänden aus Konglomeratgesteinen erkannten sie uralte, ausgetrocknete Flussbetten. Ihre empfindlichen Fremen-Nasen spürten den erhöhten Feuchtigkeitsgehalt der kühlen Luft.
Die beiden jungen Männer verbrachten die Nacht im Zehn-Stämme-Sietch, wo Solarspiegel den Dauerfrostboden auftauten und genügend Wasser freisetzten, um sorgsam umhegte Pflanzen anbauen zu können. Man hatte sogar Obstgärten und einige Zwergpalmen angepflanzt.
Warrick hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht, als er sich die Stopfen des Destillanzugs aus der Nase zog und die ungefilterte Luft einatmete. »Riechst du die Pflanzen, Liet? Hier lebt sogar die Luft.« Er senkte die Stimme und blickte seinen Freund mit feierlichem Ausdruck an. »Dein Vater ist ein großer Mann.«
Die Gärtner machten einen rastlosen Eindruck, aber gleichzeitig schienen sie von einer religiösen Leidenschaft erfüllt zu sein, wenn sie sahen, wie ihre Bemühungen Früchte trugen. Für sie war Umma Kynes' Traum nicht nur eine abstrakte Konzeption, sondern eine Zukunft, die sie bereits jetzt mit eigenen Augen sahen.
Die hier lebenden Fremen verehrten den Sohn des Planetologen. Einige traten vor und berührten seinen Arm und seinen Destillanzug, weil sie das Gefühl hatten, auf diese Weise ihrem Propheten näher zu kommen. »Und die Wüste soll jauchzen und wie die Rose erblühen«, rief ein alter Mann ein Zitat aus der Weisheit der Zensunni-Wanderer.
Die anderen stimmten einen rituellen Gesang an. »Was ist kostbarer als der Same?«
»Das Wasser, das den Samen keimen lässt.«
»Was ist kostbarer als der Fels?«
»Der fruchtbare Boden, der ihn bedeckt.«
Die Litanei wurde in ähnlicher Weise fortgesetzt, doch Liet war es unangenehm, im Zentrum ihrer Bewunderung zu stehen. Warrick und er beschlossen, wieder aufzubrechen, sobald den Geboten der Gastfreundschaft Genüge getan war, nachdem sie zusammen mit dem Naib Kaffee getrunken und in der kühlen Nacht geschlafen hatten.
Die Menschen des Zehn-Stämme-Sietches gaben ihnen warme Kleidung, die sie bis jetzt nicht benötigt hatten. Dann brachen Liet und Warrick mit ihrer kostbaren Last aus konzentrierter Gewürz-Essenz auf und setzten ihren Weg fort.
* * *
Als die beiden jungen Männer die sagenumwobene Festung des Wasserhändlers Rondo Tuek erreichten, wirkte das Gebäude auf sie eher wie eine dreckige Fabrikhalle als ein Märchenpalast inmitten glitzernder Berge aus weißem Eis. Es war ein rechteckiger Kasten, von dem viele Rohrleitungen und Kanäle ausgingen. Maschinen hatten sich in den eisenharten Boden gefressen, um jeden Brocken Eis herauszuholen, und hässliche Schutthaufen hinterlassen.
Der Schnee war seit Urzeiten unter dicken Staubschichten begraben und hatte sich mit Sand und Steinen zu einem festen Zement verbunden. Die Gewinnung der Feuchtigkeit war ein einfacher Vorgang: Man grub große Mengen Erde aus und kochte das eingeschlossene Wasser heraus.
Liet brach einen Brocken aus dem gefrorenen Boden und leckte daran. Er schmeckte nach Salz, Eis und Sand. Er wusste, dass es hier Wasser gab, aber es erschien ihm genauso unerreichbar, als würde es sich auf einem fernen Planeten befinden. Sie näherten sich der großen Fabrik mit den schwebenden Frachtkisten voller Gewürz.
Das Gebäude bestand aus Pseudobetonblöcken, die aus dem Abraum des Eisgewinnungsvorgangs geformt wurden. Die festungsartigen Wände waren glatt und unverziert bis auf ein paar Fenster und Spiegel, die das Licht der tief stehenden Sonne einfingen. Die Tauöfen stießen braune Wolken aus und ließen verbrannten Staub auf die Umgebung herabregnen.
Rondo Tuek hatte ein ausgedehntes Anwesen in Carthag, aber es hieß, dass der Wasserhändler sich nur selten in seiner spektakulären Stadtwohnung aufhielt. Tuek hatte ein ansehnliches Vermögen gemacht, indem er das Wasser am Südpol abbaute und es in den nördlichen Städten und den Dörfern der Senken verkaufte.
Doch das furchtbare Wetter der südlichen Hemisphäre, insbesondere die unberechenbaren Sandstürme, vernichteten jede vierte Lieferung, sodass Tuek ständig neue Maschinen kaufen und neue Arbeiter anheuern musste. Zum Glück erzielte eine Lieferung antarktischen Wassers genügend Gewinn, um die Verluste auszugleichen. Nur wenige Unternehmer waren bereit, solche Risiken einzugehen, aber Tuek hatte heimliche Beziehungen zu den Schmugglern, der Gilde und den Fremen. Es ging sogar das Gerücht, dass die Wassergewinnung nur der offizielle Deckmantel war, unter dem die Geschäfte abgewickelt wurden, die wirklich lukrativ waren, dass er in erster Linie der Zwischenhändler der Schmuggler war.
Seite an Seite marschierten Warrick und Liet an den lauten Maschinen und emsigen Arbeitern von fremden Welten vorbei zum Eingangstor. Tuek setzte hauptsächlich Montagearbeiter ein, die sich niemals in den Norden und die trockene Realität des Wüstenplaneten wagten. So war es dem Wasserhändler lieber, da solche Männer besser in der Lage waren, Geheimnisse zu bewahren.
Obwohl Liet kleiner als Warrick war, richtete er sich zu voller Größe auf und übernahm die Führung. Ein Mann in Overall und Schutzhandschuhen stapfte an ihnen vorbei und warf ihnen lediglich einen Seitenblick zu.
Liet hielt ihn auf. »Wir sind eine Delegation der Fremen und wollen zu Rondo Tuek. Ich bin Liet-Kynes, der Sohn von Pardot Kynes, und das ist Warrick ...«
Der Arbeiter zeigte ungeduldig nach hinten. »Er ist irgendwo da drin. Sucht ihn selber.« Dann lief er zu einer lärmenden Maschine, die sich ins dreckige Eisgestein grub.
Liet blickte seinen Freund verdutzt an. Warrick grinste nur und klopfte ihm auf den Rücken. »Wir haben sowieso keine Zeit für Höflichkeitsfloskeln. Lass uns Tuek suchen.«
Sie wagten sich in das riesige Gebäude und versuchten den Eindruck zu erwecken, dass sie hierher gehörten. Die Luft war kühl, obwohl an den Wänden und in den Ecken Heizgloben summten. Liet ließ sich vage Richtungsanweisungen von anderen Arbeitern geben, die immer auf die nächste Halle zeigten, bis sich die beiden hoffnungslos in einem Labyrinth aus Büros, Kontrollzentralen und Lagerräumen verlaufen hatten.
Dann kam ein kleiner, breitschultriger Mann mit schwingenden Armen auf sie zu marschiert. »Es ist fast unmöglich, hier drinnen zwei Fremen zu übersehen«, sagte er. »Ich bin Rondo Tuek. Kommt mit in mein privates Büro.« Der untersetzte Mann blickte über die Schulter zurück. »Und bringt eure Lieferung mit. Lasst sie nicht unbeaufsichtigt rumliegen.«
Liet hatte den Mann bislang nur einmal kurz gesehen, auf Fenrings Bankett in der Residenz von Arrakeen. Tuek hatte graue Augen, flache Wangen und fast kein Kinn, wodurch sein Gesicht eine nahezu quadratische Form erhielt. Auf dem Schädel wurde sein rostrotes Haar bereits dünner, doch an den Schläfen stand es in dichten Büscheln ab. Mit seinem verschrobenen Aussehen und dem unbeholfenen Gang war er die Antithese zur natürlichen Anmut der Fremen.
Tuek lief trippelnd voraus. Liet und Warrick bemühten sich, ihm mit den Gewürzbehältern zu folgen. In diesen Räumen wirkte alles trist und schlicht, was Liet enttäuschte. Selbst den ärmlichsten Sietch hatten die Fremen mit bunten Teppichen und Wandbehängen geschmückt oder mit Skulpturen aus Sandstein gestaltet. Die Decken waren mit geometrischen Mustern und manchmal sogar mit eingelegten Mosaiken verziert.
Tuek führte sie zu einer breiten Wand, die genauso schmucklos wie alle anderen war. Er blickte von links nach rechts, um sich zu vergewissern, dass sich hier keine Arbeiter aufhielten, dann legte er seine Handfläche auf einen Scanner. Zischend öffnete sich ein Schott, hinter dem ein Raum zum Vorschein kam, aus dem warme Luft drang und der prächtiger ausgestattet war, als Liet für möglich gehalten hätte.
In Nischen standen Kristallkaraffen mit teurem Kirana-Brandy und caladanischen Weinen. Ein juwelenbesetzter Kronleuchter warf glitzerndes Licht auf die scharlachroten Vorhänge, die den Wänden etwas Weiches und Gedämpftes verliehen, eine Behaglichkeit des Mutterleibs.
»Ah, jetzt bekommen wir die verborgenen Schätze des Wasserhändlers zu Gesicht«, sagte Warrick.
Die Stühle waren groß und weich gepolstert. Unterhaltungsholos lagen auf einem Tisch, der aus poliertem Schiefer bestand. Gesprenkelte Spiegel an der Decke reflektierten das Licht der korinthischen Säulen, die aus opaleszierendem Hagal-Alabaster bestanden und im molekularen Feuer leuchteten.
»Die Gilde bringt nur wenige Luxusgüter nach Arrakis. Die Harkonnens haben keinen Sinn für die schönen Dinge des Lebens, und nur wenige andere können sie sich leisten.« Tuek hob die breiten Schultern. »Und niemand ist bereit, sie durch die Hölle der südlichen Hemisphäre zu transportieren, nur um sie in meine Fabrik zu schaffen.«
Er hob die buschigen Augenbrauen. »Doch aufgrund meiner Vereinbarungen mit eurem Volk« – er drückte auf einen Knopf, worauf sich das Schott wieder schloss – »schickt die Gilde gelegentlich Schiffe in einen polaren Orbit. Dann landen Leichter und bringen mir die Waren, die ich angefordert habe.« Er klopfte auf die schweren Frachtbehälter, die Warrick mitgebracht hatte. »Im Austausch für eure monatliche ... Zahlung.«
»Wir bezeichnen es als Bestechungsgeld«, sagte Liet.
Tuek schien nicht im Geringsten beleidigt zu sein. »Wortklaubereien, mein Junge. Die reine Gewürz-Essenz, die die Fremen in der tiefen Wüste finden, ist viel kostbarer als die kläglichen Reste, die die Harkonnens im Norden schürfen. Die Gilde benutzt diese Lieferungen für ihre eigenen Zwecke, aber wer weiß, was die Navigatoren damit anfangen?« Er zuckte die Achseln. Dann tippte er etwas in eine Tastatur auf dem Schiefertisch. »Ich mache mir eine Notiz, dass wir die Bezahlung für diesen Monat erhalten haben. Ich habe meinen Quartiermeister beauftragt, euch mit genügend Vorräten für die Heimreise auszustatten.«
Liet hatte keine besonderen Nettigkeiten von Tuek erwartet und akzeptierte seine knappe, geschäftsmäßige Art. Er wollte ohnehin nicht länger hierbleiben, obwohl andere möglicherweise ausführlich den reichen exotischen Zierrat bewundert hätten. Doch Liet hatte keinen Sinn für solche Dinge.
Wie sein Vater verbrachte er lieber den Tag draußen in der Wüste, wo er hingehörte.
* * *
Wenn sie sich beeilten, konnten sie bis zum Sonnenuntergang den Zehn-Stämme-Sietch erreichen, schätzte Liet. Er sehnte sich nach der heißen Sonne, damit er seine tauben Hände wieder bewegen konnte.
Warrick hingegen war tief von der Kälte beeindruckt. Er stand mit ausgebreiteten Armen da, die Wüstenstiefel in den Boden gestemmt. »Hast du schon einmal so etwas gespürt, Liet?« Er rieb sich über die Wangen. »Meine Haut fühlt sich spröde an.« Er atmete tief durch und blickte auf seine Stiefel. »Und man spürt das Wasser. Es ist hier, aber ... eingeschlossen.«
Er schaute zu den braunen Bergen aus staubverkrusteten Gletschern hinüber. Warrick war impulsiv und neugierig, und als ihm jetzt eine Idee kam, rief er seinem Freund zu, noch zu warten. »Wir haben unsere Aufgabe erfüllt, Liet. Warum hast du es so eilig mit der Rückkehr?«
Liet blieb stehen. »Was hast du vor?«
»Wir befinden uns hier in den sagenumwobenen Eisbergen. Wir haben die Palmengärten und Pflanzungen gesehen, die dein Vater begründet hat. Ich möchte die Gegend erkunden, einmal festes Eis unter den Füßen spüren. Wenn wir diese Gletscher besteigen, muss es sein, als würden wir auf Bergen aus Gold stehen.«
»Du wirst nirgendwo reines Eis sehen. Die Feuchtigkeit steckt gefroren in der Erde.« Doch als er die erwartungsvolle Miene seines Freundes sah, verflüchtigte sich Liets Ungeduld. »Ja, du hast Recht, Warrick. Warum sollten wir es eilig haben?« Hier konnten sich die sechzehnjährigen Jungen ein Abenteuer erlauben, das großartiger – und sicherer – als ihre Attacken gegen Harkonnen-Festungen war. »Wir werden die Gletscher besteigen.«
Im ewigen Zwielicht des Südpols marschierten sie los. Die Tundra besaß ihre eigene strenge Schönheit, vor allem für jemanden, der die Wirklichkeit der Wüste gewohnt war.
Als sie Tueks Fabriken und Maschinen hinter sich gelassen hatten, wurde die Wolke aus Staub und Dreck zu einem braunen Schleier über dem Horizont. Liet und Warrick kletterten immer höher hinauf und lockerten Steine und Erde, bis sie auf eine dünne Eisschicht stießen. Sie lutschten an gefrorenen Stücken des Bodens, der nach bitteren alkalischen Chemikalien schmeckte, und spuckten den Sand wieder aus.
Warrick lief voraus und genoss die Freiheit. Als Fremen hatten sie gelernt, jederzeit wachsam zu bleiben, doch die Harkonnen-Jäger wagten sich niemals bis zum Südpol. Hier gab es vermutlich keine Gefahren. Vermutlich.
Liet musterte ständig den Boden und die weichen Formen der hoch aufragenden Massen aus gefrorenem braunem Gestein. Dann bückte er sich, um eine leichte Delle im Boden zu untersuchen. »Warrick, schau dir das an.«
Es handelte sich offenbar um einen Fußabdruck, den jemand während einer wärmeren Jahreszeit im aufgeweichten Untergrund hinterlassen hatte. Nach genauerer Untersuchung fanden sie Hinweise, dass weitere Spuren sorgfältig verwischt worden waren.
»Wer hat sich hier aufgehalten?«
»Und warum hat man ein Geheimnis daraus gemacht?«, setzte Warrick hinzu. »Wir sind weit von Tueks Wasserfabrik entfernt.«
Liet sog prüfend die Luft ein und betrachtete die Klippen und Felsformationen, bis er ein weißes Glitzern auf der kalten Oberfläche bemerkte. »Vielleicht sind es Prospektoren, die in der Nähe des Pols nach reineren Eisvorkommen suchen.«
»Aber warum haben sie dann ihre Spuren verwischt?«
Liet blickte in die Richtung, in die die Fußspuren führten – eine zerklüftete Wand, an der getauter und wieder gefrorener Matsch zu abenteuerlichen Formen erstarrt war. Er konzentrierte sich ganz auf diese Umgebung, studierte angestrengt jedes Detail, jeden Schatten, jeden Spalt. »Irgendetwas stimmt hier nicht.«
Sein Körper schaltete auf höchste Alarmstufe, und er gab Warrick einen Wink, still zu sein. Als sie kein Geräusch mehr hörten und keine andere Bewegung mehr wahrnahmen, schlichen die beiden weiter. Seit ihrer Kindheit hatten Liet und Warrick gelernt, sich ohne einen Laut und ohne Spuren durch die Wüste zu bewegen.
Liet konnte immer noch nicht genau sagen, was ihn irritierte, doch als sie näher kamen, verstärkte sich sein Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Obwohl die Kälte ihre feinen Sinne dämpfte, setzten sie ihren Weg mit äußerster Vorsicht fort. Sie stiegen über Stufen aus gefrorener Erde und erkannten einen Pfad, der zumindest für die Augen von Fremen offenkundig war.
Menschen benutzten regelmäßig diesen Weg hinauf in die Gletscher.
Die zwei jungen Männer bemühten sich, vor dem Hintergrund der Landschaft unsichtbar zu werden; sie dachten wie das Land und bewegten sich wie natürliche Dinge. Dann bemerkte Liet im Abhang eine leichte Verfärbung, einen Fleck, der zu gleichmäßig wirkte, um nicht künstlichen Ursprungs zu sein. Die Stelle war gut getarnt worden, aber nicht gut genug.
Es war ein großes Tor – so groß, dass ein kleineres Raumschiff hindurchpasste. Ein geheimes Lager von Rondo Tuek? Eine Einrichtung der Gilde? Oder ein Schmugglerversteck?
Liet stand reglos da. Bevor er ein Wort sagen konnte, taten sich andere Öffnungen im Boden und in den Felsen auf, die so gut getarnt waren, dass nicht einmal er sie bemerkt hatte. Vier Männer sprangen heraus. Sie waren kräftig gebaut und trugen verschlissene Uniformen. Und sie waren bewaffnet.
»Ihr habt euch sehr leise und unauffällig bewegt, Jungs«, sagte einer der Männer. Er war groß und muskulös und hatte helle Augen und einen glänzenden, kahlen Schädel. Sein dunkler, beeindruckender Schnurrbart reichte von der Oberlippe bis zum Kinn. »Aber ihr habt vergessen, dass euer Atem hier in der Kälte zu Dampf kondensiert. Daran habt ihr nicht gedacht, stimmt's?«
Zwei grauhaarige Männer bedeuteten den Jungen mit einem Wink ihrer Waffen, durch die Eingänge in den Berg zu steigen. Warrick legte eine Hand auf das Crysmesser an seinem Gürtel und warf Liet einen Blick zu. Sie waren bereit, Rücken an Rücken im Kampf zu sterben, wenn es sein musste.
Aber Liet schüttelte den Kopf. Diese Männer waren nicht in den Farben der Harkonnens gekleidet. Von den Ärmeln und Schultern waren die Abzeichen abgerissen worden. Es können nur Schmuggler sein.
Der Kahlkopf blickte sich zu einem seiner Männer um. »Offenbar müssen wir noch etwas an unserer Tarnung arbeiten.«
»Sind wir Ihre Gefangenen?«, sagte Liet und warf einen fragenden Blick auf die Waffen.
»Ich möchte von euch wissen, was wir falsch gemacht haben, dass ihr unser Versteck so mühelos ausfindig machen konntet.« Der Kahlkopf ließ seine Waffe sinken. »Mein Name ist Dominic Vernius – und ihr seid meine Gäste ... vorläufig.«